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Handelsblatt Research Institute

In dem gemeinsamen Report vom Handelsblatt Research Institute und Bain & Company erfahren Sie mehr zum Female Allstar Board und dessen Mitgliedern des Jahres 2025. Zudem wird der aktuelle Status quo von Frauen in Führungspositionen anhand von Zahlen und Fakten skizziert.

Mit der Initiative Female Allstar Board schaffen das Handelsblatt und Bain & Company eine einzigartige Bühne für Frauen in Führungspositionen. Wir setzen damit nicht nur ein Statement in der Wirtschaft, sondern insbesondere auch für junge engagierte Frauen: die Führungskräfte von morgen.



Jährlich werden fünf Top-Entscheiderinnen in Deutschland ausgezeichnet und ins Female Allstar Board (FAB) berufen. Darüber hinaus entsteht ein Netzwerk für herausragende weibliche Führungskräfte, den Female Rising Stars, mit dem Ziel, deren Präsenz und Visibilität und damit auch die Diversität in der deutschen Wirtschaft zu erhöhen. 

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) hat mit den Gewinnerinnen 2026 gesprochen. Lesen Sie jetzt die persönlichen Interviews mit Karin Rådström, Sara Hennicken, Kadhija ben Hammada, Dr. Katharina Beumelburg und Dr. Stephanie Eckermann (v. l. n. r.).





Vorwort

Führung in Zeiten von KI – warum wir auf weibliche Perspektiven nicht verzichten können

Dr. Christina Ellringmann und Mareike Steingröver über weibliche Führungskräfte, Künstliche Intelligenz und neue Chancen

Liebe Leserinnen und Leser,

Künstliche Intelligenz (KI) verändert, wie wir arbeiten, entscheiden und führen. Für Unternehmen eröffnet sie enorme Chancen, weit über Effizienzgewinne hinaus. Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wer gestaltet diese Transformation?

Frauen sind heute in vielen Bereichen der Wirtschaft sichtbarer und einflussreicher als noch vor wenigen Jahren. Doch Fortschritt ist keine Selbstverständlichkeit: 2025 waren nur 30,3 Prozent der Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft mit Frauen besetzt. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich im unteren Drittel. Auch in den Führungsgremien großer börsennotierter Unternehmen stagnierte der Frauenanteil zuletzt oder war sogar rückläufig.

Mit dem Female Allstar Board setzen Bain & Company und das Handelsblatt darum seit sechs Jahren ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit weiblicher Führungskräfte – und für die nächste Generation von Entscheiderinnen.

Im Zeitalter von KI gewinnt diese Aufgabe neue Dringlichkeit. Denn noch nutzen Frauen die Technologie deutlich seltener als Männer: In Deutschland sind es 37 Prozent gegenüber 53 Prozent. In Führungspositionen gibt es diese Lücke allerdings nicht. Das macht Mut und verdeutlicht, was möglich ist, wenn Zugang, Erfahrung und Verantwortung zusammenkommen. Zugleich schätzen Frauen ihre technologischen Kompetenzen häufig kritischer ein und erhalten beim KI-Einsatz teils weniger Unterstützung und Anerkennung. Diese Unterschiede sind jedoch keineswegs zwingend. Unternehmen können gezielt gegensteuern: mit Weiterbildung, Raum zum Ausprobieren, Zugang zu KI-Projekten und sichtbaren Vorbildern. Für Frauen liegt darin die Chance, diese Transformation nicht nur mitzuerleben, sondern aktiv mitzugestalten.

Das ist umso wichtiger, weil KI menschliche Fähigkeiten wertvoller macht: Vertrauen schaffen, Beziehungen aufbauen, Bestehendes kritisch hinterfragen und Menschen durch Veränderung führen. Deshalb können wir es uns nicht leisten, auf unterschiedliche Perspektiven und Fähigkeiten bei der Gestaltung von KI zu verzichten. Der technologische Fortschritt braucht menschliche Führung und Vorbilder, die zeigen, wie beides zusammengeht.

Genau dafür steht das Female Allstar Board. Es macht starke Frauen sichtbar, die Verantwortung übernehmen, Wandel aktiv gestalten und anderen mit ihrem Beispiel den Weg ebnen. Zugleich nominieren sie die „Female Rising Stars“ – Talente, die unsere Zukunft prägen werden.

Herzlichen Glückwunsch an die diesjährigen FAB Five: Karin Rådström, Sara Hennicken, Khadija Ben Hammada, Dr. Katharina Beumelburg und Dr. Stephanie Eckermann.

Sie zeigen uns: Die Zukunft der Wirtschaft wird nicht allein von neuen Technologien bestimmt, sondern von Menschen, die sie mutig, verantwortungsvoll und gemeinsam vorantreiben.



Mareike Steingröver, Partnerin, Bain & Company Germany Inc. und Dr. Christina Ellringmann, Managing Partner Deutschland & Österreich, Bain & Company _______________

Die Idee hinter dem Female Allstar Board

Mit der Initiative Female Allstar Board möchte die Handelsblatt Media Group gemeinsam mit Bain & Company einen besonderen Akzent setzen und sich für mehr Vielfalt an der Spitze deutscher Unternehmen engagieren. Dazu werden weibliche Role Models, von denen es einige in deutschen Führungsetagen gibt, ins Scheinwerferlicht gerückt. Denn auch wenn dort die Entwicklung in die richtige Richtung geht, sind die Führungsetagen in der Wirtschaft sowie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen immer noch männlich dominiert.

Das Female Allstar Board bildet einen idealtypischen Unternehmensvorstand mit herausragenden Managerinnen in Deutschland ab und setzt sich aus fünf typischen C-Level-Kategorien zusammen: Neben der Kategorie „Chief Executive“ gibt es ebenfalls Board-Mitglieder für die Kategorien „Finance“, „Human Resources“, „Market & Customer“ sowie „Innovation & Technology“. 

Mit jedem neuen Female Allstar Board wächst zugleich auch ein Netzwerk herausragender Managerinnen von heute und morgen. Jedes Board-Mitglied benennt Mentees, die in das „Female Rising Stars“-Netzwerk aufgenommen und unterjährig zu Netzwerkveranstaltungen eingeladen werden. Über die Zeit entsteht damit ein immer größer werdendes Netzwerk weiblicher Wirtschaftsentscheider, wodurch das Thema Frauen in Führungspositionen gestärkt wird.

Die Methodik bei der Erstellung der Shortlist

Grundlage für die finale Juryentscheidung ist jeweils eine Shortlist für die drei Kategorien „Chief Executive“, „Finance“ und „Human Resources“ sowie eine Universalkategorie, aus der die Board-Mitglieder für die anderen beiden Bereiche ausgewählt werden. Jede Shortlist umfasst sechs Managerinnen, die Shortlist für die Universalkategorie acht. Diese Shortlist wird vom Handelsblatt Research Institute (HRI) als wissenschaftlicher Partner des Female Allstar Board erstellt. 

Ausgangspunkt dafür ist jeweils eine Longlist, die auf unterschiedlichen Quellen basiert: Erstens werden – ausgehend von einer Analyse mehrerer Tausend Frauen in Geschäftsführungspositionen aus der Bisnode Firmendatenbank – diejenigen für die Longlist ausgewählt, die in Unternehmen arbeiten, welche sich durch ein besonders großes Umsatz-, Beschäftigungs- beziehungsweise Gewinnwachstum (Basis: Jahresüberschuss) in den vergangenen Jahren auszeichneten. Zweitens enthält die Longlist alle weiblichen Vorstandsmitglieder aus den Unternehmen, die im DAX, MDAX oder SDAX gelistet sind. Drittens werden Managerinnen berücksichtigt, die medial in Deutschland besonders in Erscheinung getreten sind. 

Aus der daraus resultierenden Longlist kondensiert das HRI die jeweilige Shortlist. Zentrales Kriterium dafür ist die Performance auf drei verschiedenen Ebenen. Auf der Shortlist sind in jeder Kategorie die sechs beziehungsweise acht Kandidatinnen vertreten, die auf der Unternehmensebene, der Ebene des Zuständigkeitsbereichs sowie der Ebene „Lebenslauf“ eine – im Vergleich zu den anderen Managerinnen – herausragende Performance zeigen. 

Auf der Unternehmensebene Die Mitglieder des Female Allstar Board sollen besonders starke und performante Unternehmen führen. Dabei soll sich die Stärke im gegenwärtigen Zustand sowie in der Entwicklung zeigen. Die betrachteten Kennzahlen werden für den gegenwärtigen Zustand Umsatzhöhe, Beschäftigtenzahl, Gewinnhöhe (in erster Linie Jahresüberschuss) sowie Umsatzrendite (Gewinn in Relation zum Umsatz) sowie für die Entwicklung das durchschnittliche jährliche Wachstum von Umsatz, Beschäftigtenzahl und „Gewinn“ in den vergangenen vier bis sieben Jahren ausgewertet. Die Unternehmen, in denen die Kandidatinnen tätig sind, werden in jeder Kategorie jeweils hinsichtlich jeder der Kennzahlen in eine Reihenfolge gebracht. Anschließend werden für das Gesamtranking die Positionen in den einzelnen Rankings gemittelt.  

Die Ebene des Zuständigkeitsbereichs Nach der Betrachtung der Performance des gesamten Unternehmens wird auf der zweiten Ebene der Analyse die Leistung im jeweiligen Zuständigkeitsbereich genauer unter die Lupe genommen. So haben die Managerinnen natürlich Einfluss auf die Unternehmensleistung insgesamt, direkter zeigt sich ihr Wirken allerdings im jeweiligen Zuständigkeitsbereich. 

Basiert die Leistungsbeurteilung bei der Unternehmensebene auf quantitativen Größen, werden in der weiteren Analyse eher qualitative Aspekte betrachtet. Ausgehend von einer Recherche in den sozialen Medien, in den Pressemedien (Pressedatenbank) sowie allgemein im Netz werden für die Kandidatinnen besonders herausragende, innovative und erfolgreiche Leistungen und Projekte in ihrem aktuellen Zuständigkeitsbereich identifiziert. 

Die Ebene „Lebenslauf“ Die Leistungen, die die Managerinnen bereits in früheren Karrierestationen gezeigt haben, werden im Rahmen der Ebene „Lebenslauf“ beleuchtet. Darüber hinaus erfolgt hierbei auch ein Blick auf etwaige Leistungen abseits der eigentlichen Arbeit wie beispielsweise gesellschaftliches Engagement oder der besondere Einsatz für ein bestimmtes Thema.  

Die Jury des Female Allstar Board  Das Female Allstar Board wird von einer sechsköpfigen Jury ausgewählt. Folgende hochkarätige Persönlichkeiten gehören zu diesem Gremium:





Zahlen, Daten, Fakten

Wo weibliche Führungskräfte in Politik und Wirtschaft stehen

Frauen in der Politik

Angela Merkel hat sich zwar als erste Bundeskanzlerin immerhin 16 Jahre an der Spitze der Bundesregierung gehalten. Im deutschen Bundestag sind die Frauen jedoch auch nach über 100 Jahren Frauenwahlrecht zahlenmäßig noch weit unterrepräsentiert: Seit Beginn dieses Jahrhunderts schwankt ihr Anteil an den Mandaten um ein Drittel der Abgeordneten. Im aktuellen Bundestag liegt der Frauenanteil sogar noch etwas darunter, bei 32,4 Prozent. Das ist weniger als vor der letzten Bundestagswahl, als Frauen 34,8 Prozent der Bundestagsmandate stellten.



_______________ Frauen im Deutschen Bundestag Frauenanteil zu Beginn der Wahlperiode Quellen: Dt. Bundestag, Bundeszentrale für politische Bildung

Im Europäischen Vergleich erreicht Deutschland damit gerade einmal unteres Mittelmaß. Der deutsche Frauenanteil im deutschen Parlament liegt knapp einen Prozentpunkt hinter dem Durchschnitt der EU von 33,9 Prozent. Vor allem die norddeutschen Länder Dänemark (47,5 Prozent), Finnland (45,5 Prozent) und Schweden (45,4 Prozent) liegen weit vorne. Weltweit sieht es im Durchschnitt für die Frauen in den Parlamenten (27,5 Prozent) zwar insgesamt noch etwas schlechter aus als in Deutschland. Aber in einigen Ländern liegt der Frauenanteil sogar über der Hälfte, beispielsweise stellen in Mexiko Frauen 50,4 Prozent der Parlamentsabgeordneten, im afrikanischen Ruanda sogar 63,8 Prozent.



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Frauenanteil in den nationalen Parlamenten der EU

Stand Q2 2026

Quelle: EIGE

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Eine Ursache für den Rückstand der deutschen Frauen wird schon auf den Wahlzetteln offensichtlich: Die deutschen Parteien stellen Frauen zum einen weit seltener als Männer in den Wahlkreisen als Direktkandidatinnen auf, obwohl sie über Erststimmen erfahrungsgemäß ähnlich erfolgreich sind wie ihre männlichen Parteikollegen. Von den 204 Frauen, die 2025 in den Bundestag gewählt wurden, schafften nur 61 den Einzug über ein Direktmandat und 143 über einen Listenplatz. Und auch auf den Wahllisten liegen Frauen im Vergleich zu Männern auf weniger aussichtsreichen Plätzen.



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Aktuelle Verteilung der Abgeordneten

Quelle: Die Bundeswahlleiterin

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Deutschland belegt weltweit Rang

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beim Frauenanteil in nationalen Parlamenten.

Frauen in den Top-Etagen börsennotierter Unternehmen

Lange Jahre ging die Zahl der Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten der 160 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland stetig nach oben, wenn auch langsam. Seit 2025 stagniert der Frauenanteil aber weitgehend in allen Segmenten oder ist sogar rückläufig. Insgesamt sind über die deutschen Börsenindizes hinweg gut vier Fünftel aller Vorstandsmitglieder männlich, fast wie im Vorjahr.



_______________ Führungsgremien der Dax-Konzerne Frauenanteil in Dax, Mdax, Sdax Quellen: DIW, AllBright Stiftung; Stand: März 2026

Und es ist kein Ende dieses Stillstands in Sicht, denn die Zahl der weiblichen Neubesetzungen geht zurück: Waren 2023 noch 37 Prozent der neuberufenen Vorstandsmitglieder weiblich, so sind es zwei Jahre später nur noch 20 Prozent.

Karin Rådström hat zudem im vergangenen Jahr keine neuen Kolleginnen bekommen. Nur Männer wurden an die Spitze der Dax-Vorstände berufen. Mitte 2026 stehen neben der Daimler Truck-CEO nur zwei weitere Frauen an der Spitze eines Dax-Vorstandes. 2025 in den Dax-Vorstand berufenen Frauen übernahmen überwiegend Personal- oder Finanzressorts.



_______________ Frauenanteil sinkt bei Neuberufungen Neuberufungen in die Führungsgremien der Dax-, Mdax- und Sdax-Unternehmen, vorangegangene 12 Monate zum 1. September Quelle: AllBright Stiftung 



Studien zeigen schon lange, dass diverse Vorstände, in denen also möglichst viele verschiedene Sichtweisen und damit auch möglichst viele Frauen vertreten sind, erfolgreicher wirtschaften als traditionelle Vorstände, die von Männern dominiert sind. Dennoch kommt noch immer ein Dax-Konzern ganz ohne Frau im Vorstand aus, die Porsche Automobil Holding. Und 14 Dax-Vorstandsfrauen geht es wie der Technik-Vorständin Katharina Beumelburg bei dem Zementhersteller Heidelberg-Materials, sie sind die einzige Frau im Vorstand. Die Innovationsexpertin Beumelburg sitzt beispielsweise mit acht Männern zusammen am Vorstandstisch.

Dass in den vergangenen Jahren in vielen börsennotierten Unternehmen überhaupt eine Frau eingezogen ist, lässt sich teilweise mit dem Zweiten Führungspositionen-Gesetz (FüPoG II) erklären, das seit 2021 gilt. Es schreibt börsennotierten Konzernen mit mehr als drei Vorstandsmitgliedern vor, dass davon mindestens ein Mitglied weiblich sein soll. Diese Quote, auch unter Führungsfrauen umstritten, hat zu Beginn dieses Jahrzehnts offensichtlich den Einzug der Frauen in die Vorstände beschleunigt. Jetzt, nachdem sie ihr formales Ziel nahezu erreicht hat, scheint sich ihre Wirkung eher in das Gegenteil zu verkehren.

In den deutschen Aufsichtsräten sieht es nicht anders aus: Erstmals seit 15 Jahren ist der Anteil der Frauen in den Kontrollgremien der börsennotierten Unternehmen im Jahr 2025 sogar zurückgegangen. Er erreichte bei den Dax-Konzernen 39,3 Prozent, im Vorjahr waren es noch 39,6 Prozent.

Für die Aufsichtsräte von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen gilt sogar schon seit 2016 eine Quote: Sie müssen mindestens 30 Prozent ihrer Aufsichtsräte mit Frauen besetzen. Das Erste Führungspositionen-Gesetz (FüPoG I) wirkte schnell, im Jahr 2024 erreichte der Frauenanteil in den Dax-Kontrollgremien sogar einen Höchststand von 40 Prozent.



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Managerinnen standen Ende 2025 in den Vorstandsgremien der Börsenkonzerne (Dax, Mdax, Sdax) insgesamt 583 männlichen Kollegen gegenüber.

Chefinnen in Mittelstand und Familienunternehmen

In den Führungsetagen der mittelständischen Unternehmen sind die Frauen noch weit seltener vertreten als in den Börsenkonzernen: In den 100 umsatzstärksten Familienunternehmen lag der Anteil der weiblichen Führungskräfte nach einer Studie der AllBright Stiftung im Jahr 2025 bei nur 13 Prozent. Hier bremsen alte Familientraditionen die Frauen offenbar besonders aus. Je geringer der Einfluss familienfremder Akteure ist, desto weniger Frauen kommen an die Spitze. Betrachtet man dabei die Familienfirmen, die nicht an der Börse notiert sind, erreicht der Frauenanteil in den Topetagen nur 11,1 Prozent.



_______________  Kaum Fortschritt in den vergangenen Jahren Zuwachs beim Frauenanteil in der Geschäftsführung der 100 größten Familienunternehmen

Quelle: AllBright Stiftung

Dass Frauen nicht ausreichend an der Spitze mittelständischer Unternehmen vertreten sind, ist nicht zuletzt auch der eher zurückhaltenden Gründungstätigkeit von Frauen geschuldet. 2025 betrug der Anteil von Frauen an allen Existenzgründungen in Deutschland rund 35 Prozent und lag damit noch einen Prozentpunkt unter dem Vorjahr. Auch im Start-up-Sektor stagniert der Gründerinnenanteil. Nach einem Rückgang im Jahr 2024 ist er im Folgejahr zumindest wieder leicht auf 19,8 Prozent angestiegen.



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Gründerinnenanteil bei Start-ups

Quelle: DSM

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Genially gezeigt werden.

Auch wenn man den Blick auf die gesamte Wirtschaft und alle Führungspositionen richtet, sind die deutschen Frauen deutlich unterrepräsentiert: Weniger als ein Drittel, nur 30,3 Prozent aller Führungspositionen in Deutschland, waren 2025 mit einer Frau besetzt. Damit liegt Deutschland in der Europäischen Union im unteren Drittel. Viele osteuropäische Länder, Frankreich und Irland erreichen immerhin einen Frauenanteil um die 40 Prozent. Beim Spitzenreiter Schweden erreichen die Frauen 44,4 Prozent aller Führungsposten.



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Frauenanteil in Führungspositionen in Europa 2025

Auswahl

Quelle: Destatis

Unsere Wirtschaft braucht die besten Talente. Wir können es uns nicht leisten, auf die Ideen, Perspektiven und Fähigkeiten von Frauen zu verzichten. Dr. Christina Ellringmann

Bei gerade einmal fünf Prozent der 100 größten Familienunternehmen steht eine Frau allein oder als Co-CEO an der Spitze. Quelle: HRI



Wir brauchen Frauen, die ihre Meinung sagen, etwas ausprobieren und sich nicht selbst ausbremsen.
Kategorie: CEO

„Sagt Eure Meinung, denkt groß und bremst Euch nicht selbst aus“

Karin Rådström, CEO, Daimler Truck
Kurzportrait lesen

Bevor die Schwedin als eine der wenigen Frauen an die Spitze eines Dax-Konzerns aufstieg, legte sie im Rudersport und in der Lkw-Branche eine steile Karriere hin. Karin Rådström war zwölffache schwedische Meisterin im Ruderzweier. Beim schwedischen Truck-Konzern Scania arbeitete sie sich vom Trainee bis zur Vertriebsvorständin hoch. Die studierte Ingenieurin wechselte Anfang 2021 in den Vorstand von Daimler Truck, wo sie die Kernmarke Mercedes-Benz Trucks erfolgreich auf Profitabilität trimmte und komplexe Prozesse vereinfachte. Als CEO will sie seit Oktober 2024 Daimler Truck „einfacher, schneller und stärker“ machen und die Dekarbonisierung vorantreiben.

Bei Ihrem Start als CEO haben Sie sich für Hierarchie-Abbau und dezentrale Entscheidungen ausgesprochen. Wie können Sie das an der Spitze eines traditionellen deutschen Lkw-Konzerns umsetzen?

Ich glaube fest daran, dass Entscheidungen von den Menschen getroffen werden sollten, die am tiefsten im Thema sind. Eines meiner ersten Meetings bei Daimler Truck, beziehungsweise damals bei Mercedes-Benz Trucks, fand im Design Center statt. Dort wurde mir ein neues Fahrerhaus vorgestellt und alle warteten darauf, dass ich es als Chefin offiziell freigebe. Ich habe dann gesagt: „Ich bin keine Expertin für Fahrerhäuser. Das Team kennt die Kunden, hat die Arbeit gemacht und sollte die Entscheidung treffen.“

Genau darum geht es. Meine Aufgabe als CEO ist nicht, überall die Antwort zu kennen, sondern eine Kultur zu schaffen, in der Menschen Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen können. Gleichzeitig arbeiten wir daran, Prozesse einfacher und schneller zu machen, ohne das zu verlieren, was uns ausmacht: unsere Expertise, unsere Innovationskraft und unseren Anspruch, für unsere Kunden die besten Lösungen zu entwickeln.

Muss eine Vorständin im KI-Zeitalter anders führen als zuvor?

Ja und nein. Die Grundprinzipien guter Führung ändern sich nicht. Aber das Umfeld wird deutlich komplexer. KI, Software, geopolitische Veränderungen und neue Kundenerwartungen sorgen dafür, dass wir Entscheidungen oft unter größerer Unsicherheit treffen müssen als früher.

Gleichzeitig verändert KI die Art, wie wir arbeiten. Routineaufgaben werden zunehmend automatisiert. Das gibt uns Freiräume für Tätigkeiten, die echten Mehrwert schaffen. Gerade deshalb werden die menschlichen Fähigkeiten nicht weniger wichtig, sondern mehr. KI soll Menschen nicht ersetzen, sondern ihre Fähigkeiten erweitern. Orientierung geben, Vertrauen schaffen, Menschen zusammenbringen und eine Kultur fördern, in der gelernt und ausprobiert werden darf – das bleibt die wichtigste Aufgabe von Führung.

Als Ingenieurin haben Sie sich in Ihrem Berufsleben vor allem mit Trucks beschäftigt – eigentlich eine Männerdomäne. Haben Sie davon immer geträumt?

Nein, überhaupt nicht. Am Anfang war das eher Zufall. Ich habe damals in der Schweiz gelebt, meine Abschlussarbeit geschrieben und bin viel Ski gefahren. Ich habe mich auf verschiedene Stellen beworben und Scania war das erste Unternehmen, das mir einen Job angeboten hat. Dass ich mehr als 20 Jahre später CEO eines der größten Lkw-Herstellers der Welt sein würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können.

Heute liebe ich diese Branche. Unsere Kunden sorgen jeden Tag dafür, dass Menschen versorgt werden, Unternehmen funktionieren und unsere Wirtschaft in Bewegung bleibt. Unsere Lkw und Busse helfen ihnen dabei. Zu sehen, welchen Unterschied unsere Produkte im Alltag machen, gibt dieser Arbeit für mich einen echten Sinn.

Sie haben zuvor in Schweden, Kanada, Frankreich, Kenia und in der Schweiz gelebt. In Deutschland sind Sie erst die zweite Frau, die an die Spitze eines Dax-Konzerns aufgestiegen ist. Was bremst hier die Frauen?

Unternehmen müssen eine Kultur schaffen, in der sich alle entwickeln können und die gleichen Chancen erhalten. Vorbilder spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich hoffe, dass Frauen in Spitzenpositionen irgendwann nichts Besonderes mehr sind.

Bei den Bedingungen des Umfelds sehe ich aber auch Nachholbedarf. Es sollte attraktiver sein, dass beide Elternteile arbeiten, und wir brauchen ausreichend Kinderbetreuung mit Betreuungszeiten, die mit einem Beruf vereinbar sind.

Neben ihrem Vorstandsjob haben Sie eine Familie mit zwei Kindern. Was hilft Ihnen am meisten, das alles zu managen?

Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass ich nicht in allen Lebensbereichen perfekt sein kann. Ich konzentriere mich darauf, in meiner Rolle als CEO zu liefern, und die Zeit darüber hinaus gehört meiner Familie. Ich nehme in Kauf, dass das Haus nicht immer ordentlich ist, ich backe keine Kuchen für Schulveranstaltungen und treffe Freunde eher selten. Dafür kann ich mich auf das konzentrieren, was mir wirklich wichtig ist: bei der Arbeit Verantwortung zu übernehmen und zu Hause für meine Familie da zu sein.

Genauso wichtig ist es für mich, bewusst Zeit zum Abschalten einzuplanen. Aus meiner Zeit als Leistungssportlerin habe ich gelernt, dass langfristige Leistung nur mit ausreichender Erholung möglich ist. Dabei hilft mir vor allem auch Zeit in der Natur. Ich liebe die Alpen. Meine Familie und ich verbringen dort viel Zeit. Im Winter fahren wir Ski, im Sommer gehen wir wandern, laufen oder Rad fahren. Das hilft mir, Energie zu tanken und langfristig leistungsfähig zu bleiben.

Sie müssen Stellen abbauen, viel Bürokratie berücksichtigen, schlechte Zahlen verkünden. Macht das CEO-Sein in Zeiten von Zöllen und globalen Krisen noch Spaß?

Die Herausforderungen sind groß. Wir navigieren gleichzeitig geopolitische Spannungen, neue Handelskonflikte, die Transformation zu emissionsfreiem Transport, technologische Umbrüche und veränderte Kundenerwartungen. Genau das macht die Aufgabe aber auch so spannend. Es geht heute nicht nur darum, ein Unternehmen zu steuern. Es geht darum, ein Unternehmen durch eine Zeit tiefgreifender Veränderungen zu führen und die Zukunft unserer Industrie aktiv mitzugestalten.

Wir haben die Chance, Dinge grundlegend zu verändern: den Straßengütertransport zu dekarbonisieren, neue Technologien voranzutreiben und unseren Kunden bessere und nachhaltigere Lösungen anzubieten. Hierfür müssen wir uns ständig weiterentwickeln, schneller lernen und uns an eine Welt anpassen, die sich immer schneller verändert. Für mich ist Kultur dabei der entscheidende Hebel. Unsere größte Stärke ist nicht unsere Größe oder unsere Marktposition, sondern unsere Fähigkeit zu lernen, uns anzupassen und uns immer wieder neu zu erfinden.

Welchen Führungstipp würden Sie jungen aufstrebenden Frauen mitgeben?

Glauben Sie an sich selbst. Das ist der Rat, den ich auch meinem jüngeren Ich geben würde. Als ich mein Studium abgeschlossen habe, hatte ich nicht das Selbstvertrauen zu glauben, dass ich wirklich etwas beitragen kann. Heute weiß ich: Häufig setzen wir uns selbst die größten Grenzen.

Deshalb würde ich jungen Frauen raten: „Denken Sie groß, sagen Sie Ihre Meinung, ergreifen Sie Chancen, wenn sie sich bieten, und bremsen Sie sich nicht selbst aus. Oft sind wir zu viel mehr fähig, als wir uns selbst zutrauen.“

Kategorie: Finance

„Zahlen waren schon immer mein Zuhause“

Sara Hennicken, Finanzvorständin (CFO), Fresenius
Kurzportrait lesen

Sara Hennicken stieg im September 2022 zu Krisenzeiten des Gesundheitskonzerns Fresenius in den Vorstand auf. Die Finanzvorständin (CFO) arbeitet gern in dynamischen Umfeldern, will etwas bewegen. 2019 kam die Diplom-Ökonomin zu Fresenius und qualifizierte sich unter anderem dadurch, dass sie die Finanzierungsstruktur des Medizinriesen modernisierte. Zuvor arbeitete sie 14 Jahre im Investmentbanking, zunächst in London bei der Citibank, dann neun Jahre für die Deutsche Bank und begleitete große M&A- und Kapitalmarktprojekte. Ihren Master absolvierte sie im amerikanischen Wisconsin, Milwaukee.

Sie arbeiten seit Ihrem Studium in der Finanzwelt, zunächst als Investmentbankerin, heute als Finanzvorständin. War das immer Ihr Berufswunsch?

Nein, als Kind wollte ich alles Mögliche werden: Architektin, Meeresbiologin, Politikerin. Durch verschiedene Praktika habe ich gemerkt, dass mich dynamische Umfelder besonders reizen. Gleichzeitig waren Zahlen schon immer mein Zuhause. Mich fasziniert die Klarheit von Zahlen und die Möglichkeit, über Zahlen die Welt besser zu verstehen.

Im Investmentbanking bin ich eher zufällig gelandet. Nach meinem Master-Abschluss in den USA wollte ich weiter im englischsprachigen Ausland leben und bin nach London gegangen. Von dort hat sich meine Laufbahn Schritt für Schritt entwickelt. Rückblickend war mir immer wichtig, in Unternehmenskulturen zu arbeiten, die etwas bewegen wollen, die Leistung wertschätzen und nach vorne gehen. Und ich habe immer darauf geachtet, dass ich Freude an meiner Arbeit habe und das Gefühl, zu etwas Sinnvollem beizutragen.

Gab es Vorbilder, die ihren Lebensweg geprägt haben?

Ich hatte und habe nicht dieses eine große Vorbild. Ein früherer Chef sagte einmal: „Jeder hat sein eigenes ‚Recipe of Success‘, sein persönliches Erfolgsrezept.“ Diesen Gedanken fand ich spannend. Insofern sind es unterschiedliche Facetten von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, anderen Führungspersönlichkeiten, die ich mir angeschaut habe. Welche davon wertschätze ich besonders? Welche passen zu mir und welche nicht? Gerade in großen M&A- oder Kapitalmarktprojekten erlebt man Entscheidungsträger:innen oft in Ausnahmesituationen und sieht den Menschen hinter dem Entscheidungsträger:innen. Wie reagiert er oder sie unter Druck? Wie wird kommuniziert und entschieden? All diese Beobachtungen haben meine eigene Führungspersönlichkeit geprägt.

Sie wollten immer in einem agilen Umfeld arbeiten. Warum wechseln Sie dann in einen großen, traditionsreichen Gesundheitskonzern?

Als ich 2019 zu Fresenius kam, war das Unternehmen in einer schwierigen Situation. Damals glaubten viele, man müsse sich einfach mehr anstrengen, um an frühere Erfolge anzuknüpfen. Mit der Zeit wurde klar: Es reicht nicht, einfach härter zu arbeiten. Wir müssen anders arbeiten. Als ich 2022 in den Vorstand kam, haben wir im neuen Führungsteam um unseren CEO Michael Sen bewusst einen Schritt zurückgemacht und uns gefragt, wo wir hinwollen. Daraus sind Strategie, Finanzziele und konkrete Veränderungsprogramme entstanden. Entscheidend war, die Menschen mitzunehmen und die passende Kultur für diesen Wandel zu schaffen.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass ein Traditionsunternehmen sehr beweglich sein kann, wenn Klarheit über die Richtung besteht und alle an einem gemeinsamen Ziel arbeiten.

Wie gelingt Veränderung in Zeiten von künstlicher Intelligenz?

Ich sehe KI und die technologischen Veränderungen vor allem als Chance. Große Veränderungen bringen immer Unsicherheit mit sich, aber eben auch neue Möglichkeiten. Deshalb lautet mein Motto: „See risk, think opportunity.“

Voraussetzung dafür ist Resilienz, sowohl im Unternehmen als auch bei den Menschen. Viele Menschen erleben technologische Veränderungen zunächst als Bedrohung. Umso wichtiger ist es, Orientierung zu geben: eine klare Vision, offen zu kommunizieren und deutlich zu machen, was wir gemeinsam beeinflussen können. Für mich ist Selbstwirksamkeit der Schlüssel zu Resilienz. Wenn Menschen erleben, dass sie selbst etwas bewegen können, sind sie bereit, Veränderungen anzunehmen und voranzutreiben. Genau diese Haltung macht Organisationen langfristig widerstandsfähig.

Was stärkt denn Ihre eigene Resilienz? Wie finden Sie einen Ausgleich?

Ich mache diesen Job, weil er mir große Freude bereitet und weil ich sehe, was wir bewegen können. Gleichzeitig trenne ich Beruf und Privatleben sehr bewusst. Mein privates Umfeld definiert mich nicht über meine Position. Diese innere Freiheit gibt mir Gelassenheit.

Darüber hinaus sind es die einfachen Dinge: Ausgleich in der Natur, bewusst durchatmen, feste Rituale und Menschen, die mir Energie geben, statt sie zu rauben. Das gilt auch für den Arbeitsplatz: Gute Teams zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich gegenseitig stärken.

Sie engagieren sich im CFO Female Network. Was bringt Ihnen dieses Netzwerk?

Sehr viel. Fachlich tauschen wir uns über neue Regulatorik, Führungsfragen und aktuelle Herausforderungen aus. Gleichzeitig hilft das Netzwerk dabei, den Blick über das eigene Unternehmen hinaus zu richten. Dieser Austausch hilft, die eigenen Themen besser einzuordnen und den eigenen Horizont zu erweitern. Besonders spannend fand ich auch eine Runde, in der wir über unsere persönlichen Erfolgsfaktoren gesprochen haben. Ohne Absprache nannten fast alle Optimismus, Energie, Empathie und Freude an der Interaktion mit Menschen.

Und es macht einen Unterschied, nicht die einzige Frau im Raum zu sein. In sehr homogenen Gruppen gibt es oft eine bestimmte kulturelle Textur. Wer anders ist, muss oft mehr Energie aufwenden, um dazuzugehören. Je diverser ein Team ist, desto weniger starr ist diese Textur. Dann zählen Persönlichkeit, Leistung und unterschiedliche Perspektiven stärker als die Frage, ob jemand in eine bestimmte Schablone passt.

Was müssen Unternehmen und die Nachwuchstalente selbst tun, damit mehr Frauen in Vorstände kommen?

Unternehmen müssen Frauen Sichtbarkeit geben, ihnen anspruchsvolle Projekte übertragen und Verantwortung zutrauen. Keine Frau macht Karriere, weil andere sie tragen. Aber Führungskräfte können Türen öffnen und sagen: „Trau dich!“ Laufen muss am Ende jede selbst. Es braucht beides. Förderung von außen und den eigenen Mut, Chancen zu ergreifen. Frauen dürfen sich nicht zu früh selbst ausbremsen. Gerade junge Frauen sagen manchmal: Das lohnt sich für mich vielleicht gar nicht, weil ich später Kinder bekommen möchte. Mein Rat wäre: Macht das, was euch Freude macht. Gebt Gas. Wachst an euren Aufgaben. Wenn sich später Prioritäten verändern, kann man immer noch neu entscheiden. Der größte Fehler ist, Dinge gar nicht erst auszuprobieren, obwohl sie einem liegen und Freude machen könnten.

Welche persönlichen Rahmenbedingungen waren für Ihren Weg entscheidend?

Zum einen bin ich in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Gleichberechtigung selbstverständlich ist. Meine Eltern haben beide in Berufen gearbeitet, die sie erfüllt haben. Gleichzeitig haben sie mir das Gefühl gegeben, dass man alles erreichen kann, aber dass es genauso dazugehört, wenn etwas einmal nicht klappt. Es ist eine gewisse Gelassenheit, die mich geprägt hat.

Zum anderen mein Mann. Ohne die Unterstützung meines Mannes würde vieles nicht funktionieren. Wir haben unsere Beziehung von Anfang an als gleichberechtigte Partnerschaft verstanden. Wir sprechen regelmäßig darüber, wie wir Aufgaben zu Hause organisieren und Verantwortung aufteilen. Gerade beim sogenannten Mental Load wird häufig unterschätzt, wie wichtig klare Zuständigkeiten sind.

Kategorie: Human Resources

„Je leistungsfähiger Technik wird, desto wichtiger werden die menschlichen Fähigkeiten”

Khadija Ben Hammada, Mitglied der Geschäftsleitung, Chief People Officer, Merck KGaA
Kurzportrait lesen

Die studierte Psychologin und Betriebswirtin startete als Personalberaterin bei Big Fish International und Michael Page. 2010 wechselte die Französin mit marokkanischen Wurzeln zu Merck und kümmerte sich im französischen Molsheim zunächst darum, die richtigen Beschäftigten für den deutschen Pharmakonzern zu finden. Nach verschiedenen Stationen unter anderem in den USA und in Singapur kam Khadija Ben Hammada im September 2019 in die Zentrale nach Darmstadt, wo sie 2023 zur Personalchefin aufstieg. Im März 2025 wird sie als zusätzlich sechstes Mitglied in die Geschäftsleitung berufen und ist unter anderem auch für Nachhaltigkeit und die Standortleitung der Konzernzentrale verantwortlich.

Sie haben in Frankreich Psychologie studiert, an der Elite-Uni IAE Ihren Master gemacht und sind schließlich bei einem deutschen Pharmakonzern in die Geschäftsleitung aufgestiegen. War das Ihr Traum?

Mitglied der Geschäftsleitung zu werden war nie mein Karriereziel. In der Schule hat mich Psychologie beschäftigt und ich wollte mal Lehrerin werden. Bei einem Praktikum habe ich dann gemerkt, dass mich die Kombination aus Menschlichem und Geschäftlichem besonders reizt. Deshalb habe ich mich für ein Masterstudium entschieden, das HR und Betriebswirtschaft verbindet. Beruflich habe ich mit der Personalsuche angefangen und dabei viel über Talente, frühzeitiges Potenzial und Möglichkeiten von Menschen gelernt.

Rückblickend war meine Karriere nicht geradlinig, sondern ein Netz aus Neugier, Mut und der Bereitschaft, einfach den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Ein roter Faden bleibt: Ich will Menschen verstehen und mit diesem Wissen Organisationen so ausrichten, dass Spitzenleistung und Wachstum möglich sind.

Welche Vorbilder, Mentor:innen und Ideale haben Ihren Lebensweg besonders beeinflusst?

Meine ersten Vorbilder waren meine Eltern. Von meinem Vater habe ich gelernt, dass Chancen auch Verantwortung mit sich bringen. Für ihn galt: Wer etwas erreichen will, muss dafür arbeiten. Meine Mutter hat mich mit ihrer Großzügigkeit geprägt. Sie hat mir gezeigt, dass Fürsorge eine ganz eigene Form von Stärke ist. Als Französin mit marokkanischen Wurzeln lebte ich in zwei Kulturen. Die Philosophie meiner Eltern war einfach: Nimm das Beste aus beiden Welten. Diese Haltung hat mir bei jeder neuen Aufgabe im Ausland geholfen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie bei allem strukturierten Vorgehen auch gerne etwas kreatives Chaos zulassen. Wie gelingt Ihnen das in einem traditionellen Konzern?

Merck arbeitet in den Bereichen Wissenschaft und Technik, die stark reguliert sind. Wir brauchen also klare Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege. Aber wenn von Anfang an alles zu streng kontrolliert wird, gehen Neugier, Experimentierfreude und die Fähigkeit verloren, Chancen zu erkennen. Ich gebe klar Ziel und Richtung vor. Innerhalb dieser Leitplanken sollen die Menschen sich ausprobieren, Bestehendes hinterfragen und neue Ideen entwickeln. Ich mag es, wenn Teams Ideen ausprobieren, diskutieren und positive Spannung in den Raum bringen. Genau so entstehen oft die besten Lösungen.

Der Begriff kreatives Chaos bedeutet für mich übrigens nicht Unordnung. Er beschreibt die Energie, die entsteht, wenn Menschen den Freiraum haben, neue Wege zu denken.

Inwieweit prägt künstliche Intelligenz Ihre Arbeit?

KI verändert nicht nur unsere Werkzeuge, sie verändert die Art, wie wir arbeiten, Entscheidungen treffen und Führung verstehen. Der eigentliche Mehrwert entsteht daher nicht dadurch, dass wir immer neue Tools einführen. Er entsteht, wenn wir Prozesse, Rollen und Zusammenarbeit neu denken. Gerade für HR ist das eine der größten Transformationen unserer Zeit. Unsere Aufgabe ist es, Menschen Sicherheit zu geben, Vertrauen aufzubauen und sie dabei zu unterstützen, KI sinnvoll einzusetzen.

Je leistungsfähiger die Technologie wird, desto wichtiger werden die menschlichen Fähigkeiten: Empathie, Anpassungsfähigkeit, kritisches Denken, Zusammenarbeit und Vertrauen.

Sie haben die Führung angesprochen. Muss ein:e CEO im KI-Zeitalter anders führen als zuvor?

Ja. Der oder die CEO und alle anderen Führungskräfte müssen ihren Führungsstil anpassen. In der KI-Ära können Führungskräfte Technologie nicht einfach an Expert:innen delegieren. Sie müssen sie so gut verstehen, dass sie Entscheidungen treffen und selbst Neugier und Umsetzung vorleben können. KI verlangt auch eine andere Beziehung zur Ungewissheit. Niemand kennt alle Antworten. Führungskräfte brauchen Demut und den Mut zum Experimentieren. Sie müssen eine Umgebung schaffen, in der Teams gerne selbst testen, lernen und offen darüber sprechen, was funktioniert und was nicht.

Am wichtigsten finde ich, dass Führungskräfte einen starken menschlichen Kompass brauchen. Je leistungsfähiger Technologie wird, desto wichtiger ist es, Sinn, Ethik, Verantwortung und die menschlichen Auswirkungen von Entscheidungen klar zu kommunizieren.

Sie arbeiten seit 16 Jahren bei Merck und haben verschiedene Führungskräfte kennengelernt, auch die erste Frau an der Spitze eines deutschen Dax-Unternehmens, Belén Garijo. Gibt es einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann führt?

Die Qualität von Führung hängt nicht vom Geschlecht ab. Herausragende Führung entsteht durch Vision, Mut, Orientierung und die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen Wirkung zu entfalten. Das habe ich bei Frauen genauso erlebt wie bei Männern.

Unterschiedliche Lebenswege prägen allerdings den Blick auf Entscheidungen, Teams und Prioritäten. Genau diese Vielfalt an Perspektiven macht Führung besser. Am Ende geht es nicht darum, welches Geschlecht besser führt. Entscheidend ist, ob unterschiedliche Erfahrungen zusammenkommen und daraus starke Teams entstehen. Denn Erfolg ist immer eine Teamleistung.

Wie würden Sie in wenigen Worten Ihren Führungsstil beschreiben?

Führung bedeutet für mich nicht, selbst im Mittelpunkt zu stehen. Gute Führung schafft die Voraussetzungen dafür, dass andere Verantwortung übernehmen und erfolgreich sein können. Führung ist eine tägliche Entscheidung und funktioniert nur, wenn Worte und Handeln zusammenpassen.

Neben Ihrem Job haben Sie auch Familie, einen Sohn. Was hilft Ihnen am meisten, das alles zu managen?

Ich würde nie behaupten, dass es dafür eine perfekte Formel gibt. Am meisten helfen mir klare Prioritäten und ein Umfeld, das mich unterstützt. Ich habe gelernt, dass ich weder überall sein kann noch überall sein muss. Gute Führung bedeutet nicht, in jedem Meeting zu sitzen. Gute Führung heißt, dass das Team auch dann erfolgreich weiterarbeitet, wenn man selbst nicht im Raum ist. Zu Hause gilt im Grunde dasselbe. Ich muss nicht jedem Lebensbereich jeden Tag gleich viel Zeit zu widmen. Manche Tage gehören stärker dem Beruf, andere der Familie. Entscheidend ist, dort präsent zu sein, wo man gerade am meisten gebraucht wird und den größten Beitrag leisten kann.

Irgendwann habe ich aufgehört, die perfekte Balance erreichen zu wollen. Die gibt es nicht. Stattdessen habe ich akzeptiert, dass mein Leben manchmal voll, manchmal chaotisch und nie perfekt ist. Diese Gelassenheit gibt mir heute Ruhe, Freude und Energie.

Kategorie: Innovation & Technology

„Dekarbonisierung braucht ein funktionierendes Geschäftsmodell“

Dr. Katharina Beumelburg, Chief Sustainability & New Technologies Officer, Heidelberg Materials AG
Kurzportrait lesen

Für Katharina Beumelburg war eine Expedition nach Grönland prägend. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Folgen des Klimawandels bestärkte die promovierte Maschinenbauingenieurin in ihrem Engagement für die Dekarbonisierung der Industrie. Nach beruflichen Stationen in der Energiebranche, bei Siemens und SLB, wechselte sie 2024 in die CO₂-intensive Zementindustrie. Als Vorständin für Nachhaltigkeit und neue Technologien treibt sie bei Heidelberg Materials die Dekarbonisierung der Zementherstellung voran. Beumelburg sitzt zudem im Aufsichtsrat von Mercedes Benz und in verschiedenen wissenschaftlichen Gremien.

Sie haben über Robotik und Automatisierung promoviert und arbeiten heute im Vorstand eines Baustoffkonzerns, alles klassische Männerdomänen. Wie kam es dazu?

Meine Karriere war immer vor allem von Neugier getrieben. Maschinenbau und Robotik haben mich einfach fasziniert. Bei Siemens habe ich in der Beratung angefangen und mich dort immer stärker auf Energiethemen spezialisiert – weil ich sie spannend fand.

Ein roter Faden wurde für mich die Dekarbonisierung und die Frage, wie wir Industrieprozesse klimaverträglicher gestalten können. Nach einer Expedition auf Grönland, bei der ich die Folgen des Klimawandels sehr direkt vor Augen hatte, war mir klar: Wenn ich wirklich etwas bewegen will, muss ich da arbeiten, wo die großen Emissionen entstehen. Deshalb bin ich in die Energieindustrie gegangen. Über das Thema Kohlenstoffabscheidung, Carbon Capture, wurde mir bewusst, welchen enormen Anteil auch das Produkt Zement an den globalen CO₂-Emissionen hat – und welcher Hebel für Veränderungen darin steckt. So bin ich schließlich in der Zementindustrie gelandet.

Geopolitische Krisen haben die politischen Ziele verschoben. Ist Dekarbonisierung schwieriger geworden?

Bis vor kurzem stand Nachhaltigkeit stark im Fokus der Diskussion. Inzwischen ist das Pendel wieder in die andere Richtung ausgeschlagen. Das grundsätzliche Ziel ändert sich aber nicht. Realistisch gesehen gibt es kein Szenario, in dem die energieintensiven Industrien nicht dekarbonisieren müssen.

Ich bin aber überzeugt, dass moralische Appelle allein nicht ausreichen: Dekarbonisierung wird sich nur dann dauerhaft durchsetzen, wenn dahinter tragfähige Geschäftsmodelle stehen. Die Unternehmen müssen damit wirtschaftlich erfolgreich sein können. Nur dann wird es langfristige Lösungen geben – unabhängig davon, welche Regierung gerade im Amt ist.

Grundsätzlich bin ich aber optimistisch. Die Geschichte zeigt, dass technologische Innovationen immer dann entstehen, wenn große Herausforderungen gelöst werden müssen. Ich glaube deshalb fest daran, dass auch die Dekarbonisierung durch technische Lösungen vorangebracht wird.

Sie arbeiten sich immer wieder in komplexe Technologiefelder ein. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich habe eine klassische Ingenieurs-DNA. Wenn ich in ein neues Thema einsteige, möchte ich zuerst verstehen, wie die Technologie funktioniert. Ich lese viel, spreche mit Fachleuten und erarbeite mir erstmal ein solides Fundament. Das war in der Robotik so, später in der Öl- und Gasindustrie, und genauso bei der CO₂-Abscheidung und Speicherung. Heute nutze ich natürlich auch KI, um Informationen schneller aufzubereiten oder zusammenzufassen. Das ersetzt aber nicht die Bereitschaft, tief in ein Thema einzusteigen. Auf Basis dieses Grundwissens lerne ich dann in Gesprächen mit Kunden und Kolleg:innen kontinuierlich dazu.

Verändert künstliche Intelligenz Ihre eigene Arbeit?

Ja, deutlich. Und wir stehen erst am Anfang. Ich probiere neue Technologien gerne und früh aus. Anfangs habe ich KI, wie im Beispiel gerade, vor allem genutzt, um Informationen zu recherchieren. Heute setze ich sie systematischer ein.

Ich bereite damit Meetings vor, informiere mich über Länder und Kulturen, wenn ich auf Reisen bin, oder nutze sie für strategische Analysen. Besonders hilfreich finde ich, dass ich damit Ideen hinterfragen und Argumente testen kann. Oft spiele ich Fragestellungen schon vor einem Meeting mit der KI durch.

Verändert KI auch Führung?

Auf jeden Fall. Fachwissen ist weiter erforderlich, aber Analysen, Auswertungen oder die Aufbereitung von Informationen werden künftig immer stärker von KI übernommen. Umso wichtiger wird Führung da, wo Technologie sie nicht ersetzen kann: Teams motivieren, Veränderungen begleiten, und verstehen, was die Menschen beschäftigt. Die Fähigkeit, Orientierung zu geben und unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen, gewinnt daher an Bedeutung. Und am Ende rückt der Mensch gerade durch den technischen Fortschritt wieder stärker in den Mittelpunkt.

Sie sind die einzige Frau im Vorstand von Heidelberg Materials. Wie nehmen Sie diese Rolle wahr?

Ich bemerke das gar nicht mehr so stark. Ich habe immer in männlich dominierten Disziplinen studiert und gearbeitet und ich habe persönlich nie das Gefühl gehabt, dass ich an eine gläserne Decke stoße.

Klar ist für mich, dass diverse Teams bessere Entscheidungen treffen. Homogene Teams sind zwar oft einfacher zu führen, weil alle ähnlich denken. Die besten Ergebnisse entstehen aber, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen – unterschiedliche Nationalitäten, berufliche Hintergründe und eben auch unterschiedliche Geschlechter. Deshalb habe ich mich immer dafür eingesetzt, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Bei jeder Besetzung schaue ich: Haben wir intensiv genug nach einer qualifizierten Kandidatin gesucht? Wenn ein Mann und eine Frau als Bewerber gleich stark sind, spricht vieles für die Frau. Entscheidend bleibt für mich aber immer die Kompetenz.

Sie sind Mutter einer Tochter. Wie haben Sie Familie und Karriere miteinander vereinbart?

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich beides möchte und dass ich auch beides schaffen kann. Dabei habe ich nie nach einer Lösung gesucht, die für die nächsten zehn Jahre funktioniert. Stattdessen habe ich immer wieder neu überlegt: Was ist heute, in der aktuellen Lebensphase, die beste Lösung für unsere Familie?

Die Partnerschaft mit meinem Mann ist dabei sehr wichtig. Wir sind beide berufstätig und haben unsere Karrieren immer als gemeinsames Projekt verstanden. Und unser Anspruch war immer, Verantwortung möglichst gleichberechtigt zu teilen. Das funktioniert aber nicht von selbst. Wir sprechen viel miteinander und entscheiden gemeinsam. Jetzt gerade stehen bei uns Beruf und Familie im Mittelpunkt, später werden wir wieder mehr Zeit für Hobbies, Sport und andere Dinge haben.

Woran liegt es, dass es in Deutschland noch weniger Frauen in Führungspositionen gibt als in den USA und vielen anderen Ländern Europas?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. In den USA hatte ich den Eindruck, dass Frauen dort selbstverständlicher Führungsansprüche stellen – vielleicht auch, weil es dort mehr sichtbare Vorbilder gibt. Wenn Frauen erleben, dass andere erfolgreich Karriere und Familie verbinden, erweitert das den Blick auf die eigenen Möglichkeiten. Das gebe ich auch meinen weiblichen Mentees mit: beides ist möglich!

Kategorie: Market & Customer

„An der Finanzbranche begeistern mich immer die Menschen und die Dynamik“ 

Dr. Stephanie Eckermann, Mitglied des Vorstands, verantwortlich für Post-Trading, Deutsche Börse Group
Kurzportrait lesen

Dass sich Stephanie Eckermann heute mit Feinheiten des Kapitalmarktgeschäftes beschäftigt und mit dem Nachhandelsgeschäfts, war der gebürtigen Odenwälderin nicht in die Wiege gelegt. Sie spielte begeistert Klavier, träumte vom Ausland. An der European Business School orientiert sie sich in Richtung Finanzen, promoviert darüber an der Goethe-Uni in Frankfurt. Beruflich startet sie als Beraterin bei McKinsey, begleitet Banken beim Umbau des Kapitalmarktgeschäftes, wird Partnerin. Nach fast 20 Jahren wechselt die Mutter dreier Kinder 2020 zur Deutschen Börse, zunächst als Verantwortliche für Strategie und Kontrollen, Mitte 2024 steigt sie in den Vorstand auf.

Sie haben seit Ihrem Studium in der Finanzwelt gearbeitet – zunächst 20 Jahre bei McKinsey, seit sechs Jahren bei der Deutschen Börse Group. Was hat Sie an dieser Branche gelockt?

In meinem Umfeld war niemand in der Finanzindustrie tätig, ich hatte daher zunächst keinen unmittelbaren Bezug zur Branche. Ich wollte gerne ins Ausland gehen und Dinge bewegen und habe daher ein internationales Studium mit Praxisbezug gewählt, was mich letztlich in Richtung Banking geführt hat. An der Branche haben mich immer zwei Dinge begeistert: die Menschen und die Dynamik. Die Finanzindustrie ist hochreguliert, international vernetzt und zugleich sehr technologiegetrieben. Wer sie über viele Jahre begleitet, versteht nicht nur die Mechanismen von Banken und Kapitalmärkten, sondern erlebt auch ihre Zyklen – wie die letzte große globale Finanzkrise von 2008/2009. Diese Zyklen habe ich in den vergangenen Jahren aktiv begleitet. Gerade in Phasen großer Veränderungen – wie auch aktuell – hilft diese Erfahrung enorm. Bei der Deutsche Börse Group kann ich mit der technologischen Infrastruktur die Finanzwelt mitgestalten. Das macht die Aufgabe spannend.

Was prägt Ihre persönliche Haltung als Führungskraft?

Mich motiviert es, Dinge zu verändern. Veränderung bedeutet immer auch Risiko, und ich würde selbstkritisch sagen, dass ich eine vergleichsweise geringe Scheu davor habe. Wahrscheinlich kommt das auch aus meiner Zeit als Beraterin, in der es darum ging, Unternehmen weiterzuentwickeln.

Dabei habe ich immer die Menschen im Auge, die diesen Weg mitgehen. Veränderung gelingt nur gemeinsam. Wenn ein Team vertrauensvoll zusammenarbeitet und etwas bewegt, ist für mich schon viel erreicht.

Sie haben früher intensiv Klavier und Orgel gespielt, hatten Musik & Klavier als Leistungskurs. Welche Rolle spielt Musik in ihrem Leben?

Als Jugendliche habe ich mir mein Taschengeld mit Orgelspielen am Sonntag verdient. Das bedeutete, dass ich pünktlich und konzentriert am Morgen auf der Orgelbank sitzen musste, am Wochenende durchaus manchmal eine Herausforderung. Musik begleitet mich weiterhin. Zwar spiele ich längst nicht mehr auf dem Niveau meiner Schulzeit, als ich vier bis fünf Stunden täglich geübt habe, aber ich übe noch regelmäßig. Meine Kinder lernen ebenfalls Klavierspielen. Nach meiner Erfahrung kann ich sie am besten mit dem begeistern, was ich Ihnen selbst vorlebe. Allerdings ist mir das beim Skifahren leichter gelungen. Aber alle drei Kinder spielen noch Klavier.

Kinder halten in Deutschland noch viele Frauen von einer Karriere ab ...

Dass Frauen in Deutschland dabei oft Gewissensbisse haben, liegt nicht nur an der teilweise schlechteren Support- und Familieninfrastruktur. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter sind anders als in anderen Ländern. So einen Begriff wie „Rabenmutter“ gibt es nur in Deutschland. In anderen Ländern wie Frankreich, Italien oder Osteuropa ist es selbstverständlich, dass die Frau arbeitet. Da stellt sich gesellschaftlich weniger die Frage, ob Mütter nah genug an ihren Kindern dran sind. In Frankreich oder Italien gibt es sogar eher die Sorge, eine „Übermutter“, eine „Glucke“, zu sein. In Deutschland gilt oft ein Teilzeitmodell als das Ideal. Das kann zusätzlichen Druck erzeugen, wenn man sich für etwas anderes entscheidet. Allerdings beobachte ich zunehmend, dass die jüngeren Generationen nicht mehr strikt dem alten Modell folgen, in dem nur ein Elternteil seinem Beruf voll nachgeht. Väter übernehmen heute mehr und anders Verantwortung, vor allem für die gemeinsame Kindererziehung.

Was hat Ihnen geholfen, Karriere und Familie zu vereinbaren?

Für mich war entscheidend, dass ich nach den Elternzeiten immer wieder in verantwortungsvolle Rollen zurückkehren konnte. Dadurch hatte ich nie das Gefühl, beruflich den Anschluss zu verlieren. Gleichzeitig empfinde ich es als ein Privileg, sowohl Familie als auch einen erfüllenden Beruf zu haben. Natürlich bedeutet das Kompromisse, vielleicht lese ich mal nicht so viel wie ich möchte oder mache zu wenig Sport. Aber insgesamt ist diese Kombination für mich ein großer Gewinn.

Studien zeigen, dass diverse Führungsteams erfolgreicher sind. Teilen Sie nach Ihrer Erfahrung diese Einschätzung?

Ja. Ich glaube, dass Diversität grundsätzlich bessere Entscheidungen ermöglicht. In unserem Vorstand, in dem außer mir noch Heike Eckert als weitere Frau sitzt, erleben wir das ganz konkret. Ich selbst kombiniere analytische Entscheidungen gerne mit Intuition und Erfahrung. Diese Mischung aus unterschiedlichen Ansätzen macht Entscheidungen oft schneller und besser.

Diversität betrifft dabei nicht nur Frauen und Männer, sondern generell unterschiedliche Erfahrungen, Denkweisen und kulturelle Prägungen. Das bringt neue Perspektiven ein. Der Däne Christian Kromann in unserem Vorstand ist beispielsweise von der nordischen Führungskultur geprägt, die stärker konsensorientiert entscheidet und dann konsequent umsetzt. Ich bin davon überzeugt, dass diese Vielfalt Unternehmen erfolgreicher macht.

Sie verantworten ein stark technologiegetriebenes Geschäft. Verändert künstliche Intelligenz die Anforderungen an Führung?

Die grundlegenden Führungsaufgaben bleiben dieselben. Führung bedeutet weiterhin, strategisch zu denken, Veränderungen zu gestalten und Menschen mitzunehmen. Die Fragen, die der Einsatz von KI aufbringt, sind eigentlich ähnlich wie bei der digitalen Transformation: Was heißt das für mich und mein Geschäftsfeld? Wo bin ich angreifbar? Wie kann ich damit wachsen? KI beschleunigt diese Prozesse allerdings enorm. Führungskräfte müssen verstehen, welche Chancen und Risiken in den kommenden zehn Jahren daraus erwachsen und wie sie ihre Organisation darauf vorbereiten. Wenn die Menschen verstehen, wie sie neue Technologien für sich nutzen können, wird aus Unsicherheit oft Neugier.

Persönlich nutze ich KI zunehmend als Denkpartner. Das erfordert Offenheit und die Bereitschaft, neue Arbeitsweisen zu lernen. Dennoch bleibt für mich klar: Meine Probleme löse ich lieber gemeinsam mit Menschen als allein mit der Technik.

Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die Karriere machen möchten?

Erstens: Bleib neugierig und entwickele Dich fachlich weiter. Wer mit Begeisterung an Themen arbeitet, wird automatisch gut darin.

Zweitens: Nutze Netzwerke. Wenn Du irgendwann auf Hindernisse stößt, helfen Mentorinnen und Mentoren oft entscheidend weiter.





Die Techniklücke schließen

Viele Frauen hinken beim KI-Einsatz hinterher – mit weitreichenden Folgen. Das lässt sich ändern.    

Künstliche Intelligenz (KI) verändert rasant nicht nur die meisten Arbeitsplätze. Mit ihrer Verbreitung tritt auch eine Geschlechterkluft zu Tage. Frauen nutzen die Technik bisher weniger und sind damit höheren Risiken ausgesetzt. Das klingt nach alten Verhaltensmustern, muss aber keinesfalls so sein. Denn viele Frauen sind bei der Technik Spitze. Und auch für die Wirtschaft bringt die Ausgrenzung von Frauen nur Verluste. Das haben weibliche Führungskräfte erkannt und steuern gegen.

Männer setzen KI heute deutlich mehr und gründlicher ein als Frauen – privat und am Arbeitsplatz. Darauf deuten Umfragen weltweit hin. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie die Initiative D21 haben als Maß für den Unterschied einen sogenannten Digital Gender Gap ermittelt. Nach der jüngsten Befragung von fast 5.000 Deutschen im erwerbstätigen Alter liegt diese geschlechtsspezifische Lücke bei 16 Prozentpunkten. Nur 37 Prozent der deutschen Frauen im erwerbstätigen Alter nutzen demnach regelmäßig KI, bei den Männern sind es immerhin 53 Prozent. Auffällig: In Führungspositionen und bei hohem Einkommen ermittelt die Studie keine Lücke. Besonders groß ist der Geschlechterunterschied dagegen bei geringem Einkommen, vor allem Männer in Vollzeit nutzten in dieser Gruppe KI deutlich mehr als Frauen.  Quelle →



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Männer nutzen KI intensiver als Frauen … Quelle: IAB, Initiative D21



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Männer nutzen KI intensiver als Frauen … Quelle: IAB, Initiative D21



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Männer nutzen KI intensiver als Frauen … Quelle: IAB, Initiative D21



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Männer nutzen KI intensiver als Frauen … Quelle: IAB, Initiative D21

Eine US-Umfrage zeigt, dass das nicht allein ein deutsche Phänomen ist. Auch im KI-Vorreiterland tun sich erhebliche geschlechtliche Unterschiede auf. Frauen schätzen KI heute generell weniger positiv ein als Männer und sind vorsichtiger. Euphorie über die neuen Möglichkeiten, die Arbeitserleichterung und die Geschwindigkeit kommt heute vor allem bei amerikanischen Männern auf. Nur 20 Prozent der Frauen begeistern sich für KI, bei Männern sind es 26 Prozent. 40 Prozent der Frauen stehen KI immerhin positiv gegenüber, 45 Prozent sind es bei den Männern. Das ist das Ergebnis einer Lean-In-Befragung von mehr als 1.000 repräsentativ ausgewählten erwachsenen Amerikaner:innen. Quelle → _______________

Dass Frauen seltener im Job KI benötigen, trägt zur Geschlechterkluft bei.

Seit Einführung der KI haben sich denn auch mehr Männer intensiv am Arbeitsplatz in die neue Technik eingearbeitet als Frauen. Das führt dazu, dass Männer nicht nur während der Arbeit am Einsatz von KI geschult werden, sie können sich dabei auch stärker den Mehrwert von KI erschließen. Quelle →



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Nutzung von künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz

Befragung zur Nutzung in den letzten fünf Jahren, Anteile (bereinigte Werte), rundungsbedingte Differenz zu 100 %

Quelle: DiWaBe-Beschäftigtenbefragung 2.0

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Genially gezeigt werden.

Wenn Männer mit KI-Tools experimentieren, bekommen sie Umfragen zufolge zudem von ihren Vorgesetzten häufiger Zuspruch, positive Rückmeldung und Unterstützung. Dagegen wird in vielen Unternehmen offenbar an KI-Ergebnisse von Frauen oft eine strengere Messlatte gelegt. Darauf deuten zumindest zwei US-Studien hin. Eine Befragung von 1.000 Amerikaner:innen des Lean-In-Instituts zeigt: Wenn Frauen KI zur Unterstützung nutzen, beispielsweise beim Programmieren, hinterfragen die Vorgesetzten ihre grundlegenden Fähigkeiten laut Studie kritischer als die von Männern unter identischen Bedingungen. In die gleiche Richtung weist eine andere experimentelle Studie, die in der Havard Business Review veröffentlicht wurde. Demnach bewerteten viele Gutachter:innen identische Codes unterschiedlich – je nachdem ob ein Mann oder eine Frau dahinter stehen soll. Das betrifft in dem Forschungsexperiment immerhin 27 Prozent der Fälle. Quelle →

Hinzu kommt, dass es bei der Einschätzung der eigenen KI-Fähigkeiten geschlechtliche Unterschiede gibt: Verschiedene Studien zeigen auf, dass Frauen ihre technologische Kompetenz systematisch unterschätzen, Männer aber zum Gegenteil neigen. Das führt dazu, dass Männer KI-Tools schneller und selbstverständlicher ausprobieren. „Das von den Befragten selbst eingeschätzte Wissen“ haben Wissenschaftler:innen der Schweizer Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) als wichtigste Ursache für den Digital-Gender-Gap ermittelt. Damit erklären die Notenbank-Forscher:innen drei Viertel des Gaps, indem sie eine Verbraucherumfrage der US-Notenbank Fed zur KI-Nutzung auswerten. Quelle →

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Auch Vorsicht vor KI-Systemen steht Frauen oft im Weg.

Studien zeigen, dass Frauen die Gefahr von Datenmissbrauch, unkontrollierter Verselbstständigung und Verletzung der Privatsphäre stärker einschätzen als Männer. Beispielsweise ermitteln die Lean-In-Forscher:innen, dass US-Frauen mit 38 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit als Männer ethische Bedenken gegenüber KI haben. Insgesamt fühlen sich in Deutschland 25 Prozent der Frauen durch die Technik bedroht, aber nur 20 Prozent der Männer, wie die Umfrage von IAB und Initiative D21 herausfanden.

Es ist aber unrealistisch, dass Frauen am Arbeitsplatz vollständig auf KI verzichten können. Die Systeme werden immer mehr in die Infrastruktur der modernen Arbeitswelt integriert. Den vom KI-Wandel ausgelösten Abbau von Arbeitsplätzen dürften Frauen tatsächlich stärker spüren als Männer. Denn sie arbeiten häufiger in den von Rationalisierungen besonders betroffenen Berufen, vor allem administrativen Bürojobs. Das zeigt beispielsweise eine Auswertung des Handelsblatts zum Automatisierungspotenzial von Frauenarbeitsplätzen. Quelle →



0%

beträgt die KI-Nutzungslücke zwischen Männern und Frauen.

KI wird unsere Wirtschaft fundamental verändern. Entscheidend ist, dass Frauen diese Transformation nicht nur erleben, sondern aktiv mitgestalten. Mareike Steingröver



Neue Technik, alte Verhaltensmuster?

„Frauen erhalten weniger Anerkennung für ihre KI-Nutzung, weniger Unterstützung von ihren Vorgesetzten und befürchten häufiger, dadurch ihren Arbeitsplatz zu verlieren“, fassen die Autor:innen der Lean-In-Studie den Teufelskreis vieler Frauen zusammen. „Neue Technologie, alte Muster“, vermutet Lean-In-Gründerin Sheryl Sandberg mit Blick auf alte Vorurteile über Frauen und Technik. Quelle → Aber muss das so sein?

Dass Frauen bei der Entwicklung und Umsetzung der Technik Spitze sein können, beweisen Spitzenforscherinnen und Führungsfrauen. In der Forschung über den Umgang der Menschen mit KI ist in Deutschland eine Frau ganz vorn mit dabei: Alice von Schenk, die bereits mit 26 Jahren Professorin wurde und an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg den Lehrstuhl für „Economics of AI and Human Behavior“ leitet. „Sie ist nicht das eine System, das die Welt übernimmt", beruhigt Schenk im Interview mit dem Handelsblatt die Frauen, die sich vor einer unbeherrschbaren KI sorgen. Schenk sieht die Rolle der Technik pragmatisch: „KI ist nicht mehr und nicht weniger als ein immer effizienteres, schneller und besser funktionierendes Vorhersagewerkzeug.“



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Leichte Zunahme bei der Nutzung von KI-Tools

Anteil von Frauen am Website-Traffic der zehn meistbesuchten KI-Chatbot- und KI-Tool-Domains weltweit (01/2023 bis 01/2026), in %

Quelle: Cranney et al. (2025)

Das sehen auch viele Führungsfrauen so. Die Mitglieder des aktuellen „Female Allstar Board“ (FAB) sind beispielsweise nicht nur beim KI-Einsatz ganz vorne, sie bereiten auch ihre Unternehmen und die Frauen auf die schnellen Veränderungen der KI-Ära vor.

„Anfangs habe ich KI vor allem genutzt, um Informationen zu recherchieren. Heute setze ich sie systematischer ein“, beschreibt Katharina Beumelburg, Vorständin für Nach­haltig­keit und neue Techno­logien bei Heidelberg Materials, wie die Technik allmählich im Arbeitsalltag vieler Führungskräfte immer mehr Aufgaben übernimmt. Das FAB-Mitglied bereitet damit heute nicht nur Meetings und Reisen vor, sie nutzt KI auch als Gesprächspartner für strategische Analysen. Hilfreich fände sie es, damit ihre Ideen zu hinterfragen und Argumente zu testen, verrät die Vorständin im Interview mit dem Handelsblatt Research Institute (HRI). Die promovierte Maschinenbauingenieurin ist damit nicht alleine. Auch die Kapitalmarktexpertin Stephanie Eckermann nutzt beispielsweise KI zunehmend als Denkpartner, wie sie im HRI-Interview sagt.

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Führungsfrauen gehören weltweit auch technisch zu den Vorreiterinnen.

Eine internationale Umfrage bei mehr als 6.500 weiblichen und männlichen Mitarbeitern verschiedener Hierarchiestufen aus der Technologiebranche aus dem Jahr 2024 zeigt: 76 Prozent der weiblichen Führungskräfte nutzten damals schon die generative KI und waren damit sogar ihren männlichen Kollegen um 14 Prozentpunkte voraus. Die Frauen setzten die Werkzeuge effektiv ein, um ihre männlichen Kollegen bei der KI-Einführung zu übertreffen. 

Die Managerinnen haben auch Strategien entwickelt, wie sie andere Frauen in die KI-Ära mitnehmen. „Führung wird umso wichtiger da, wo Technologie sie nicht ersetzen kann: Teams motivieren, Veränderungen begleiten und verstehen, was die Menschen beschäftigt“, so beschreibt es Katharina Beumelburg. Auch Fresenius-Finanzvorständin Sara Hennicken sieht die Führungsaufgabe darin, den „Menschen, die technologische Veränderungen zunächst als Bedrohung erleben, Orientierung zu geben und deutlich zu machen, was wir gemeinsam beeinflussen können“.



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Mehr Frauen lernen generative AI

Frauenanteil an arbeitgeberfinanzierten GenAI-Kursen weltweit

Quelle: Coursera

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Genially gezeigt werden.

„Wenn Menschen erleben, dass sie selbst etwas bewegen können, sind sie bereit, Veränderungen anzunehmen und voranzutreiben“, sagt das FAB-Mitglied im Interview. Ihre Kollegin im Frauen-Board, Stephanie Eckermann, beschreibt den Erfolg dieser Strategie so: „Wenn die Menschen verstehen, wie sie neue Technologien für sich nutzen können, wird aus Unsicherheit oft Neugier.“

Auch die Personalvorständin des Pharmakonzerns Merck, Khadija Ben Hammada, will den Frauen mit gutem Vorbild vorangehen. In der KI-Ära ist es ihr wichtig, die Technologie nicht einfach an Expert:innen zu delegieren, sondern sie sich selbst zu erschließen und den Umgang mit den KI-Tools vorzuleben. Auch Untersuchungen weisen darauf hin, dass das gute Vorbild besonders wichtig ist, um anderen Frauen die KI-Welt zu erschließen. Das zeigt beispielsweise auch die schon zitierte Umfrage von IAB und Initiative D21 bei knapp 5.000 Frauen und Männern. Die Forscher:innen ermittelten, dass die deutschen Unternehmen mit ihren technischen Vorbildern und Einsätzen die KI-Nutzung der Frauen um 23 Prozentpunkte gesteigert haben.



_______________  Mit gutem Vorbild voran: KI-Einsatz der Führungskräfte führt zu stärkerer Nutzung Abweichungen zu 100 % aufgrund von Rundung Quelle: IAB, Initiative D21

„Führungskräfte brauchen Demut und den Mut zum Experimentieren. Sie müssen eine Umgebung schaffen, in der Teams gerne selbst testen, lernen und offen darüber sprechen, was funktioniert und was nicht“, beschreibt die Personalvorständin im HRI-Interview, wie sie in dem Pharmaunternehmen eine Innovations-Kultur schafft, die alle Geschlechter zum Austausch über den KI-Einsatz motiviert.

Der Erfolg dieses experimentierfreudigen Klimas wird auch von Studien wie der IAB-Umfrage bestätigt. Diese Unternehmenskultur bringt demnach immerhin 49 Prozent der befragten Frauen dazu, die KI zu nutzen, auch wenn davon die Männer vorerst noch etwas stärker profitieren. Aber keinen Raum für das Ausprobieren zu schaffen, ist laut der Umfrage keine Alternative: Dann weitet sich der Gender-Gap noch mehr und nur 37 Prozent der Frauen setzen KI ein.



_______________  Probieren geht über Studieren: Testen der Tools steigert KI-Nutzung Abweichungen zu 100 % aufgrund von Rundung Quelle: IAB, Initiative D21

Um den Teufelskreis vieler Frauen zu durchbrechen, haben sich zudem strukturelle Weiterbildungsangebote bewährt. Forschungsergebnisse zeigen, dass Frauen häufiger als Männer das Gefühl haben, zusätzliche Schulungen zu benötigen, bevor sie KI in ihre Arbeitsabläufe integrieren. Die Schulungen können Frauen ihre Anfängerängste nehmen und Räume zum Ausprobieren schaffen. Damit dürften auch Frauen außerhalb des Technologiesektors und der Führungsjobs einen Einstieg in die KI-Welt finden.



_______________  Raum für Schulung: Weiterbildungsangebot erhöht KI-Nutzung Abweichungen zu 100 % aufgrund von Rundung Quelle: IAB, Initiative D21

„Wo Unternehmen KI selbst einsetzen, digitale Anwendungen testen und Weiterbildung zu digitalen Themen anbieten, steigt die Nutzung deutlich und der Gender AI Gap verschwindet“, fasst die Studie von IAB und Initiative D21 den Kurs zusammen, den die weiblichen Führungskräfte schon erfolgreich halten.



Ein erfolgreicher KI-Einsatz kommt um Frauen nicht herum

Diese Strategie lohnt sich auch für die Unternehmen. Denn Frauen bringen Vieles mit, was über den Erfolg von KI entscheidet, beispielsweise menschliche und emphatische Qualitäten. Reine Technik ohne Empathie, Vielfalt und kritisches Denken bleibt fehlerhaft. Nicht nur, dass KI kein Bewusstsein für Richtig und Falsch hat. Die Technik besitzt keine emotionale Intelligenz, halluziniert gelegentlich und kombiniert nur bestehende Daten neu. Echte Innovationen entstehen aber erst durch menschliche Intuition. Oder wie es Katharina Beumelburg, die über Automatisierung und Robotereinsatz promoviert hat, formuliert: „Am Ende rückt der Mensch gerade durch den technischen Fortschritt wieder stärker in den Mittelpunkt."

Wenn die KI nicht von Frauen trainiert und gestaltet wird, spiegeln die Algorithmen zudem eine einseitige Sicht wider. Ohne die weibliche Perspektive kann die KI keine Produkte entwickeln, die für alle Nutzergruppen funktionieren.

Zudem sind Frauen bei einigen Fähigkeiten besonders stark, die beim Einsatz der Technik gebraucht werden, beispielsweise beim kritischen Hinterfragen von KI-Ergebnissen und präzisen Formulieren der Eingabeaufforderungen, dem sogenannten Prompting. Mit dem KI-Beitrag der Frauen können sich die Unternehmen ungenutztes Potenzial erschließen und damit schließlich sogar eine höhere Produktivität und stärkere Innovationskraft entfalten.







Impressum des Reports



Konzept, Analyse und Gestaltung Handelsblatt GmbH, Handelsblatt Research Institute Toulouser Allee 27 40211 Düsseldorf www.handelsblatt-research.com Autor:innen: Sabine Haupt, Gudrun Matthee-Will, Dr. Sven Jung Layout: Christina Wiesen, Kristine Reimann Fotos: Unternehmen © 2026 Handelsblatt Research Institute

Gendern im Text: Sofern das generische Maskulinum verwendet wird (insbesondere bei Komposita), dient dies allein der besseren Lesbarkeit; grundsätzlich sind alle Geschlechter einbezogen.